Freiheit für den König, Teil 1

Ein sonniger Donnerstag im Juni. Marco, der vor Aufregung über die heutige Freilassung seines Königs die ganze Nacht kein Auge zubekommen hat, versucht seinen Freund aus dem Tiefschlaf wachzurütteln.
„Martin! Aufstehen!“
„Mama ich will nicht aufstehen. Ich mag nicht in die Schule. Die anderen Kinder ärgern mich immer.“
„Hör auf von der Vergangenheit zu träumen und richte deinen Blick in die Zukunft.“
Langsam öffnet Martin seine Augen, reibt sich diese und blickt verschlafen zu Marco.
„Warum Vergangenheit? Die anderen Kinder ärgern mich doch noch immer.“
„Ist egal. Heute ist der große Tag. Unser Peter wird in die Freiheit entlassen und es beginnt die Revolution. Jetzt werden wir so richtig krass werden. Wir fahren jetzt nach Halle und holen den Peter aus dem Kerker des Systems ab. Hab die ganze Nacht ein kleines Willkommensgedicht geschrieben. Willst du mal hören?“
„Och nö! Muss jetzt nicht sein.“
Doch Marco interessiert sich gar nicht für die Antwort von Martin und fängt zu gleich an sich kerzengerade hinzustellen. Er holt ein marmoriertes Stück Papier heraus auf dessen unbedruckte Rückseite er mit krakeliger Schrift ein paar Zeilen niedergeschrieben hat. Die Vorderseite schmückt das Wappen des Königreiches mit etwas Text darunter. Martin, vor dessen Antlitz sich Marco aufgebaut hat, blinzelt leicht und blickt auf eben dieses Schriftstück. Plötzlich weiten sich seine Augen und sein Gesicht füllt sich mit roter Farbe.
„Ma…Ma…MARCO!“, schreit er. „Hast du etwa meine Ernennungsurkunde zum Freiherr als Schmierzettel benutzt?“
„Ähmm…“, stottert Marco. „Kann sein. Habe keinen anderen Zettel auf die schnelle gefunden. Brauchtest du die denn noch?“
„Ob ich die noch brauche? Na klar! Wie soll ich denn sonst nachweisen, dass ich ein Freiherr von Schulz bin. Die wollte ich mir einrahmen und neben meine anderen Urkunden hängen.“
„Welche anderen Urkunden? Ach du meinst den 1. Platz im KRD internen Videowettbewerb ‚Der bescheidene Fitzi‘ vom letzten Jahr.“
„Du bist doch nur neidisch, weil du kein Freiherr geworden bist und nicht VON Ginzel, sondern einfach nur Ginzel heißt.“
In diesem Moment erscheint Matthias fröhlich in der Tür.
„Frühstück ist fertig!“
Marco und Martin blicken zu ihm und rufen wie aus einem Munde: „Halt’s Maul!“
„Na gut. Dann esse ich die leckere selbst erdachte  Suppe eben allein. Doch ich warne euch. Die ist wirklich gut. Lauwarmes Wasser mit Kräutern der Provence verfeinert. Mehr war leider nicht mehr da. Toast ist auch alle. Situationsbedingt gab es durch Peters unvorhersehbaren Auslandsurlaub in den letzten beiden Wochen ja keine mildtätigen Gaben mehr. Aber trotz allem geb ich mein Bestes und werde dafür auch noch angeschrien. Zum frühen Morgen.“
Beleidigt dreht er sich um und stößt beim rausgehen mit Benjamin zusammen, der gerade mit bunten Fähnchen in der Hand durch die Tür kommt.
„Pass doch auf.“
Den Tränen nah stolpert Matthias lautstark schimpfend über den Gang zur Küche.
„Erst wird man angeschrien und dann auch noch umgerannt. Bin ich denn Luft für euch?“
„Was ist denn mit dem los?“, fragt Benjamin die beiden Zurückgebliebenen. „Ihr seht aber auch nicht gerade fröhlich aus. Habt ihr wieder gestritten?“
„Der Marco hat meine Ernennungsurkunde zum Freiherrn vollgeschmiert und nur weil er neidisch ist, dass er sowas nicht bekommen hat.“
„Ich bin nicht neidisch. Das war bloß ein Versehen. Das Papier ist ja alle. Den aktuellen Umständen geschuldet, gibt es ja im Moment keine Barmittel für Arbeitsmaterialien. Dafür hab ich aber ein tolles Willkommen in der Freiheit Gedicht für Peter geschrieben. Soll ich mal vortragen?“
„Och nö!“, antwortete Benjamin. „Wir haben doch keine Zeit. Müssen gleich los. Sonst verpassen wir den großen Moment, wenn Peter seinen Fuß in die Freiheit setzt und die BRD Justiz kriechend vor ihm um Vergebung fleht. Das Wasserauto steht bereit und ist vollgetankt. War extra gestern nicht mehr auf dem Klo.“

Hungrig machen sich die drei auf den Weg und besteigen das vor sich hin rostende Gefährt. Benjamin nimmt am Steuer Platz, Martin mit Kamera auf dem Beifahrersitz und Marco zwängt sich auf die Rückbank.
„So alle Freiherrn und Marco an Bord. Dann kann es ja losgehen. Starten wir und holen unseren König zurück.“
Mit diesen Worten dreht Benjamin den Zündschlüssel herum und es passiert nichts.
„Das versteh ich jetzt nicht? Warum tut sich nichts. Vollgemacht hab ich den Tank. Vielleicht muss einer mal raus und anschieben.“
„Ja gute Idee.“, meint Martin mit Blick nach Hinten. „Das ist dann ja wohl eine Aufgabe fürs niedere Volk. Wer könnte denn da in Frage kommen? Hm, mal überlegen. Benjamin ist Freiherr. Ich bin ebenfalls Freiherr. Marco ist, oh wie schade, kein Freiherr. Das wäre ja dann geklärt.“
„Oh der Herr Schulz ist Freiherr.“, erwidert darauf Marco schnippisch und versteckt den Zettel mit seinem Gedicht hinter seinem Rücken. „Kann der Herr Schulz das auch belegen? Beispielsweise mit einer sauberen Ernennungsurkunde?“
„Na warte! Jetzt reicht es!“
Ein Gerangel setzt ein. Martin versucht vom Vordersitz zu Marco nach Hinten zu gelangen und ihm am Kragen zu greifen. Benjamin hält Martin zurück und Marco flüchtet über die Hutablage in Richtung Kofferraum. Draußen vor dem Wagen steht Matthias und betrachtet kopfschüttelnd das Schauspiel.
„Hätten die mal ordentlich gefrühstückt und meine leckere Suppe gegessen. Immer wenn die hungrig sind, werden die zur Egodiva.“

Stunden später im Zug nach Halle. Drei schweigende Königspudel sitzen sich gegenüber und würdigen sich keines Blickes. Draußen ziehen die Landschaften der verhassten BRiD vorbei.
„Guten Tag. Die Fahrkarten bitte!“
Ein uniformierter Scherge des Systems, bewaffnet mit einer Stempelzange, steht plötzlich vor den drei Zwergen.
„Guter Mann, wir sind gewissermaßen in diplomatischer Mission unterwegs und benötigen keine Fahrkarte. Hier unsere Ausweise.“
Martin reicht dem Zugbegleiter drei laminierte Papierfetzen entgegen. Dieser fängt laut an zu lesen. „Martin Freiherr von Schulz ist in diplomatischer Mission unterwegs und somit berechtigt nach Vereinsrecht der HLKO Paragraph irgendwas Absatz blablabla, sowie nach See- und Handelsrecht in Verbindung mit den Menschenrechtscharta der Neuen Vereinten Nationen sämtliche öffentliche Verkehrsmittel der BRiD, also des zukünftigen Königreiches Deutschland, kostenlos zu nutzen. Gezeichnet im Auftrag des Königs Peter…“
„Ja da können sie es schwarz auf marmoriert lesen. Und beachten sie auch die korrekte Ausrichtung des Stempels.“ Martin ist sichtlich stolz auf seine Arbeit. Die Ausweise hat er, nachdem das Wasserauto trotz aller Bemühungen einfach nicht anspringen wollte, schnell angefertigt.
„Marmoriert?“ Benjamin wurde hellhörig. „Wo hast du eigentlich das Papier her? Das war doch alle. Zeig doch mal!“ Schell griff er sich die Papierfetzen, die der Schaffner eben Martin zurückgegeben hat und sah sich die Rückseite an. Neben Teilen des königlichen Wappens, konnte er noch die zerschnittenen Worte ‚Benjam‘, ‚Freih‘ und ‚chaelis‘ entziffern.
„Sag bloß, Martin, du hast meine Ernennungsurkunde zerschnitten.“
Doch bevor Martin auch nur ein Wort sagen kann und sie sich streiten können, werden sie aus dem Zug geworfen. Natürlich nachdem dieser angehalten hat. Jetzt stehen sie allein und fern der königlichen Heimat auf einem kleinen Bahnhof im Nachbarland des Königreiches.
„Ihr werdet uns nicht aufhalten.“, ruft Marco dem weiterfahrenden Zug hinterher. „Das ist alles so geplant. Wir stehen kurz vor dem Sieg. Heute holen wir Peter ab und morgen … morgen … ähm … morgen gibt es endlich wieder Toast!“

Fortsetzung folgt…

 

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2 Gedanken zu “Freiheit für den König, Teil 1

  1. Sehr schön Wilki:)
    Hast Du die Füsse des Königs beim Haftprüfungstermin gesehen?

    O.k. Fitze I. hat ein Sockenproblem!
    Spendenaufruf wäre angebracht. Auch getragene willkommen!
    Sie stinken? Umso besser. Zeigen sie doch die Verbundenheit!

    Ein Tipp für die Freiherren: unbedingt Kontakt mit Golden Toast aufnehmen, königlicher Toast.
    JA! Toast ist schlabberig

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